»Wir wollten nicht ein Stück vom Kuchen, wir wollten die ganze Bäckerei«.

In der mit den vorangegangenen Blogbeiträgen begonnenen Reihe von Wortmeldungen zum “Gedenkjahr 2009” nun eine weitere: Auszüge aus Bärbel Bohley „20 Jahre NEUES FORUM“.

Der komplette Text  ist nachzulesen auf http://www.baerbelbohley.de/

AUSZÜGE:

Über die Aktualität von 1989 und den Umgang damit 2009

Die Revolution von 1989 wird heute gern zum Anlass genommen, die verschiedensten Festreden zu halten. Aber das Verhältnis der politischen Klasse zu den Menschen auf der Straße ist im Wesentlichen unberührt geblieben von den weltbewegenden Ereignissen. Das Volk und die Vertreter des politischen Systems begegnen sich nicht auf Augenhöhe. Immer noch denkt man – oder schon wieder –, dass die auf der Straße nur Schafe sind, die sich mehr für grüne Wiesen und saftige Butterblumen interessieren als für die Probleme der Globalisierung und die Hintergründe von Gewalt, Herrschaft und Macht.

Öffentliche Vergleiche von Missständen in der DDR und Fehlentwicklungen im Gesamtdeutschland werden selbst zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung als unerhörte Provokation aufgefasst. Sie werden deshalb meist von vornherein unterlassen, obwohl sich eine Bezugnahme oft aufdrängt. Die vom Neuen Forum in der DDR eingeklagte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft ist auch heute gestört.

Im Halbdämmer nehmen wir noch wahr, dass wir jetzt am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen sollen. Aus unseren Träumen wurden Albträume. Wie nah waren wir ihr, als in Dessau Arbeiter Gewehre auf Schienen legten und die Straßenbahn darüberfahren ließen!

Über 1989:

Der Herbst 1989 in der DDR ist die Geschichte der Selbstorganisation der aufgestauten demokratischen Potentiale in fast allen Schichten der Bevölkerung. Für mich ist nicht der Zusammenbruch des verdorrten Staatsgerippes der Diktatur der maßgebliche Vorgang, sondern der großartige Aufbruch der Bürger, der ihn bewirkte.

Im Herbst 1989, der eigentlich vom September 1989 bis in den März 1990 reichte, fand ein unausgesetzter, landesweit fast gleichzeitiger Aufbruch statt, an dem sich aktiv mindestens zwei Millionen Menschen beteiligten – in sämtlichen großen Städten, in allen mittleren Städten, in vielen Kleinstädten, ja bis in die Dörfer hinab. Es war die größte Demokratiebewegung der deutschen Geschichte bisher.

Nichts war uns zu groß, als dass wir es nicht angepackt, nichts war uns zu klein, als dass wir uns nicht darum gekümmert hätten. Ich denke an die Auflösung der Armee, an die Aufdeckung der Schweinereien in Rossendorf … Ich denke auch an die Roma und Sinti, die aus Hamburg ausgewiesen werden sollten, um deren Aufnahme in die DDR wir uns bemühten, oder an das ungewisse Schicksal der Vietnamesen, die in der DDR wie Arbeitssklaven gearbeitet hatten und jetzt, wo sie nicht mehr gebraucht wurden, wieder nach Vietnam zurückgeschickt werden sollten.

Über Mauerfall und Wiedervereinigungsprozess:

Die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen getroffen und durch die parlamentarischen Gremien gepeitscht wurden, grenzte an Verantwortungslosigkeit. Die künftigen Konsequenzen für jeden von uns und die ganze Gesellschaft wurden nicht mehr diskutiert. Alle während der Revolutionszeit ausformulierten Standpunkte – wie z. B. die Verfassung des Runden Tisches, die Neuordnung der Medien, der Umbau des Bildungswesens – wurden fallengelassen. Das Volk war schon wieder marginalisiert.

Ich bin oft gefragt worden, ob der Mauerfall zu früh kam. Ja, ich glaube, er ist zu früh gekommen. Er hätte erkämpft werden müssen und nicht als Toröffnung durch die Torwächter eintreten dürfen. Die Mauer fällt plötzlich, und alle sind platt und stehen sprachlos da. Wir hätten Zeit gebraucht, um das Terrain zu klären und uns einen Weg durch das Dickicht des DDR-Erbes zu schlagen, um selbst zu wissen, welche Forderungen wir stellen müssen und wie sie umzusetzen sind.

In den Medien wird verkündet, wir brauchen Traditionsfirmen wie Quelle, Opel, Rosenthal, Schiesser, um Arbeitsplätze zu erhalten und weil sie Teil unserer Geschichte sind. Bei dieser Argumentation wird vergessen, dass nicht alle Deutschen diese Geschichte teilen. Der andere Teil erinnert sich an die Geschichte des Kalibergwerks Bischofferode nach 1989 und an so manch andere Ostfirma, die sicher auch auf dem Markt nicht ohne Chance gewesen wäre, wenn man sie ihr gegeben hätte.

Über das Verhältnis des westdeutschen Establishments zur Bürgerbewegung:

Die lebendige, friedliche, aber mächtige Kraft der Straße hatte die bisherigen Erfahrungen der politischen Klasse außer Kraft gesetzt, und das machte ihr Angst. Einigen Politikern in Ost und West grauste es sicher. Wie geht das weiter? Wo soll das noch hinführen? Auch die alte Bundesrepublik steckte in einem Entwicklungsstau, und etliche Veränderungen standen an. Der BND meldete am 25. April 1990 ans Kanzleramt, ans Auswärtige Amt und ans Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen: Die Bürgerbewegungen streben eine Nivellierung der Gesellschaft an. Sie verfolgen den »dritten Weg«, den demokratischen Sozialismus, wie ihn etwa Bahro vorgezeichnet hat. Sie stehen einem Neubeginn im Wege. Zentrale Frage wird sein: Kann die Arbeit der Bürgerkomitees unterbunden werden?

Wider die feierliche Verklärung von 1989

Thesenpapier von Sophia Bickhardt, Ute Großmann, Samirah Kenawi
Lila Offensive e.V.:

[Auszug:]

“Wir erkennen in dem teilweise aufwändig inszenierten Gedenken an den 9. Oktober und 9.November eine Domestizierung des Geistes von 1989. Damals schickten Menschen sich an, den aufrechten Gang zu proben, sie schüttelten Anpassung und Gleichgültigkeit ab, mischten sich ein, entdeckten ihr Land, verkehrten die Verhältnisse und gaben der Veränderung ein Gesicht. Gesellschaft konstituierte sich auf Demonstrationen, an Runden Tischen, in Diskussionsforen, auf Streiks und den Besetzungen von Stasizentralen.

Während des Aufbruchs 89 fiel nicht nur die Mauer, sondern öffneten sich auch die inneren Grenzen der DDR. In der Zeit des Ausgangs aus der selbstverschuldeten (?) Sprachlosigkeit rieb man sich ein ums andere Mal die Augen ob des kreativen Potenzials, das nun freigesetzt wurde. In den großartigen Jubiläumsevents dieser Tage werden diese Momente der aktiv betriebenen Umwälzung der bestehenden Machtverhältnisse jedoch verharmlost.”

Buchempfehlung: Herbst 89 in den Betrieben

betrieblicher aufbruch 89Es gab 1989 nicht nur auf den Straßen den “kurzen Herbst der Anarchie” (Volker Braun), sondern auch in den Betrieben. // Selbstbewußt diskutierte man in den Betrieben Strukturen und Inhalte demokratischer Interessenvertretungen, die der Basis mehr Einfluß zukommen lassen sollten, als es derzeit Praxis ist. //Spätestens im Sommer 1990 endet dieses Kapitel der DDR-Geschichte. Ab Februar 1990 bereitete der DGB die rasche Ausdehnung seiner Strukturen auf den Osten vor. // Für Experimente war in dieser Entwicklung dann kein Platz mehr. Die Protagonist/innen des Aufbruchs, die trotz ihrer Minderheitenposition zunächst ganze Belegschaften hatten mobilisieren können, gerieten mit ihren ursprünglichen Intentionen schnell ins Abseits. // Ein eben erst begonnener Meinungsstreit über das “Wie” und “Wohin” wurde abgebrochen, bevor er sich richtig entwickeln konnte. Zu einer DDR-weiten Vernetzung zwischen den Betriebsaktivist/innen vom Herbst 1989, die für die unterschiedlichsten Ideen gestritten hatten, sollte es nie kommen.

Auszüge aus:
Der betriebliche Aufbruch im Herbst 1989: Die unbekannte Seite der DDR-Revolution. Diskussion – Dokumente – Analysen / Bernd Gehrke; Renate Hürtgen (Hrsg.). – Berlin : Bildungswerk Berlin der Heinrich Böll Stiftung, 2001
ISBN 3-927995-00-2

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