Thesen: Wider die feierliche Verklärung von 1989
Aus den friedlichen Küchen der Revolution
Wider die feierliche Verklärung von „Wende“ und Mauerfall
Wir sind die Bürgerbewegten der 2. Reihe, die „Küken“ der Berliner Oppositionszirkel, die zum
Ende der 1980er Jahre Freiräume schufen, um das Kartenhaus der Lüge namens DDR zu
erschüttern. Wir haben uns auch als Frauen zusammengetan, denn die ambivalente
Gleichberechtigung der Geschlechter bedurfte der systematischen Kritik. Es galt, Visionen für
eine deutsche demokratische Republik zu entwickeln, die diesen Namen auch verdient. Wir hatten
uns bewusst dafür entschieden, die Verhältnisse „von innen“ aufzurühren, denn in der
Übersiedlung in die Alt-BRD sahen wir keine Alternative.
Unsere kritische Haltung hält uns auch heute noch wach, und wir erkennen darin das Elixier für
einen permanenten Prozess der Demokratisierung unserer Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund
halten wir die gegenwärtig zu beobachtende Erinnerung an die DDR für unzulänglich. Zu
beklagen ist ein Demokratiedefizit:
1. Wir erkennen in dem teilweise aufwändig inszenierten Gedenken an den 9. Oktober und 9.
November eine Domestizierung des Geistes von 1989. Damals schickten Menschen sich
an, den aufrechten Gang zu proben, sie schüttelten Anpassung und Gleichgültigkeit ab,
mischten sich ein, entdeckten ihr Land, verkehrten die Verhältnisse und gaben der
Veränderung ein Gesicht. Gesellschaft konstituierte sich auf Demonstrationen, an Runden
Tischen, in Diskussionsforen, auf Streiks und den Besetzungen von Stasizentralen.
Während des Aufbruchs 89 fiel nicht nur die Mauer, sondern öffneten sich auch die
inneren Grenzen der DDR. In der Zeit des Ausgangs aus der selbstverschuldeten (?)
Sprachlosigkeit rieb man sich ein ums andere Mal die Augen ob des kreativen Potenzials,
das nun freigesetzt wurde. In den großartigen Jubiläumsevents dieser Tage werden diese
Momente der aktiv betriebenen Umwälzung der bestehenden Machtverhältnisse jedoch
verharmlost.
2. In den öffentlichen Würdigungen von „Friedlicher Revolution“, „Wende“, „Umbruch“
oder schlicht: „1989“ wird der Vereinigungsprozess, die „Wende in der Wende“
ausgeblendet. Damit bleibt die vielfach schmerzhafte „Ankunft im Westen“, bleiben die
Verlusterfahrungen, neuer Anpassungsdruck und neue Ohnmacht, auch Zurücksetzung,
außen vor. Diese Art und Weise des (Nicht-)Erinnerns spiegelt den Vereinigungsprozess
selbst, sie mutet als dessen Aktualisierung an.
3. Da in öffentlichen Stellungnahmen die kritischen Aspekte überblendet werden, entsteht
gleichsam ein doppelter Boden der Erinnerungskultur. Sie zerfällt, vereinfacht
gesprochen, in ein offizielles und ein inoffizielles Gedächtnis. Man könnte meinen, dass in
der Sprachlosigkeit derer, die heute die Wende und den Vereinigungsprozess kritisieren,
sich das Fehlen von Öffentlichkeit zu DDR-Zeiten reproduziert. Es entsteht aber auch der
Eindruck, dass in den geschichtspolitisch aufgeladenen Debatten zu „1989/90“ die
Interpretationen allzu oft nach einem Schwarz-Weiß-Schema erfolgen, dass mit der
Verurteilung der DDR eine Rundum-Bestätigung der Gegenwart einher geht, dass die
binären Denkmuster des Kalten Krieges noch immer kultiviert werden. Versuche, die
Erinnerung zu normieren, mögen den Einen Genugtuung verschaffen, einer
gesellschaftlichen Akzeptanz der Pluralität von Sichtweisen wird damit jedoch entgegen
gearbeitet.
4. In den Betrachtungen zu den Umwälzungen von 1989/90 kommt die historische Analyse
zu kurz. Das Ende des „real existierenden Sozialismus“ in der DDR (und in Osteuropa)
kam durch das glückliche Zusammentreffen mehrerer, einander verstärkender Faktoren
zustande: eine günstige außenpolitische Konstellation, für die die Namen Johannes Paul
II., Michail Gorbatschow und Gyula Horn stehen, eine marode, auf Pump finanzierte
Wirtschaft, eine mit zunehmendem Wohlstand wachsende Unzufriedenheit der DDR-
Bürger|innen, ihre massenhafte Ausreise, eine handlungsunfähige politische Führung, die
in Denkmustern der 1930er Jahre gefangen schien, Techniken der Machtausübung, die
sich durch ihren Mangel an Flexibilität überlebt hatten, die ermutigende wie inspirierende
Opposition von Solidarnosc, Charta 77 und anderen Dissidenten Osteuropas, die
Bewegung von Friedens-, Menschenrechts-, Dritte Welt-, Frauen-, Umwelt-,
Homosexuellen- und Jugendgruppen, die bevorzugt unter dem Dach der ev. Kirche auf
eine Demokratisierung der Gesellschaft hinarbeiteten sowie die intensive Begleitung der
Geschehnisse durch westliche Medien. Die Formulierung „Friedliche Revolution“ legt es
nahe, dass der gesellschaftliche Umbruch „von unten“, durch die Demonstrierenden und
Bürgerrechtler|innen herbeigeführt wurde. Ohne den Schutz und den Druck von der
„Seite“ der westlichen Öffentlichkeit aber hätte der Protest auf der Straße kaum diese
Breitenwirkung erzielt. Die historische Leistung von Bürgerrechtler|innen, den Aktiven
auf den Straßen und in den Bürgerforen ist hoch einzuschätzen, sie bedarf andererseits der
Relativierung durch die Betrachtung des Gesamtzusammenhangs.
5. Im öffentlichen Erinnern wiederholt sich das geflissentliche Übersehen von Frauen, da
deren Rolle unterbelichtet bleibt. Dabei zeigt gerade der Umbruch von 1989, dass ohne
Frauen keine Revolution zu machen ist: Bereits Anfang September 1989 haben Gesine
Oltmanns und Katrin Hattenhauer vor der Nikolaikirche in Leipzig das Plakat „Für ein
offenes Land mit freien Menschen“ entrollt, das Neue Forum wurde im September 1989
von Bärbel Bohley und Jutta Seidel angemeldet, die Mahnwache in der Berliner
Gethsemanekirche wurde von Angela Kunze initiiert. Die Verantwortlichen für die
späteren Übergriffe wurden von Ingrid Köppe am Zentralen Runden Tisch mit präzisen
wie scharfen Fragen in die Enge getrieben, die erste Erstürmung einer Stasizentrale, in
Erfurt, war das Werk einer konzertierten Aktion von Frauen, eingerührt von der Ärztin
Kerstin Schön. Daneben gab es Frauen, die nicht wollten, dass der
Demokratisierungsprozess an der Wohnungstür endet – in Städten wie Magdeburg, Erfurt,
Dresden, Weimar, Leipzig und Berlin entstanden Fraueninitiativen, die sich dann im
Dezember zum Unabhängigen Frauenverband zusammen schlossen und das Manifest von
Ina Merkel „Ohne Frauen ist kein Staat zu machen“ gleichsam zur Gründungsurkunde
ihrer Interessenvertretung erhoben.
Entgegen dieser Reduktionen plädieren wir für ein Erinnern, in dem die Licht- und Schattenseiten,
die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit des Umbruchs von 1989 und des
Vereinigungsprozesses in den Jahren danach thematisiert werden. Ostalgievorwürfe,
Abgrenzungen und Thematisierungsverweigerung zeigen an, dass Konflikte bestehen. Sie
kommen jedoch nicht offen zur Sprache. Was aber verdrängt wird, drängt. Eine ehrliche
Auseinandersetzung tut not. Es gibt noch immer zu wenig Austausch über Schuld und
Verantwortung zwischen Menschen mit ihren so verschiedenen Ostbiografien. Und es gibt noch
immer zu wenig Austausch zwischen Menschen aus Ost und West. Eine lebendige Demokratie
aber scheut die Versöhnung nicht. Sie ist auf ein Klima angewiesen, in dem Auffassungen nicht
bereits feststehen und zur Anpassung freigegeben werden, sondern in dem auf der Basis von
Wertschätzung und Respekt für das, was ist Neues gedeihen kann. Angesichts der beunruhigenden
Ablehnung von Demokratie durch die Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung ist ein Dialog, der
die Erfahrung von Teilhabe ermöglicht, dringend geboten.
Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung sind auch heute zentrale
Herausforderungen, zumal weltweit. Sie anzunehmen schließt die Kritik an den gegenwärtigen
Machtverhältnissen und Formen der Machtausübung ein.
Wir haben seinerzeit in Küchen zusammengefunden, um patriarchale und undemokratische
Verhältnisse zu ändern. Die Erinnerung daran verstehen wir als notwendigen Teil eines
Lernprozesses, um auf die drängenden Probleme der Gegenwart Antworten zu finden.
Sophia Bickhardt, Ute Großmann, Samirah Kenawi
Lila Offensive e.V.