Heimweh nach 89.

Heimweh nach 89.
Im Archiv der DDR-Opposition auf der Suche nach einem verlorenen Wir

[Erschienen in Reconstructed ZONE, argobooks, 2009]

In Berlin gibt es verschiedene Orte, die, wer sich an die DDR erinnern, oder ein Bild von ihr machen will, aufsuchen kann. Und mit der Wahl der Stätte des Erinnerns betritt man auch immer die eine oder die andere Version des Erzählens über die DDR; gibt sich entweder genüsslich wehmutsvoll in DDR-Museum oder vielleicht dem Panoramacafé im Fernsehturm der einen hin, oder vergewissert sich am Schrecken von Stasimuseum oder Mauerstreifen der anderen.

Mich selbst verbindet mit meinem Aufwachsen in der DDR eine diffuse Sehnsucht – die mir lange Zeit nicht recht geheuer war, weil sie sich weder mit der einen Version der Geschichte erklären, noch mit der anderen wirklich abschütteln lässt. Die Suche nach dem Ziel dieses Sehnens führt mich irgendwann schließlich in die Berliner Schliemannstraße, ins Robert Havemann Archiv. Im „Archiv der DDR-Opposition“ könnte man hoffen, sich mit den Schicksalen der Widerständigen in der DDR die Sehnsüchte nach diesen Zeiten auszutreiben. Aber dann erzählen die hier versammelten Dokumente der ostdeutschen Dissidenz doch sehr viel mehr als die Geschichte ihrer Repression. Es ist ein Wir, das einem hier entgegentritt, das gegen und trotz etwas, aber auch und vor allem für sich selbst entstand. Eins, das 1989/90 in seiner vollen Kraft – und Schwäche – in Erscheinung trat, und mit dessen dann so raschem Ende auch etwas verloren ging, das seither bis auf weiteres verborgen und verschüttet ist. Mein Heimweh stellt sich hier als eins, nicht nach der DDR, sondern nach dem heraus, was in der grandiosen Anarchie ihres Auseinanderfallens plötzlich aus der in ihr und gegen sie gewachsenen widerständigen Tradition erwuchs und zu einer kurzen Blüte kam. Ich wusste, dass ich aus der Erfahrung jener Zeit etwas Wichtiges und Starkes in mir trug, das mir aber bis dahin als rein subjektiv erscheinen musste, weil ich es in den Erzählungen über die DDR und ihr Ende nicht wiederfand.

Ich hatte vor ein paar Jahren in Oslo bei einem Festival einen Film von 1968 gesehen, die Dokumentation eines Filmkollektivs, das im Süden Frankreichs Aufnahmen machte von „Der Wideraufnahme der Arbeit in der Fabrik Wonder“[i]. Eine Frau, wird da gezeigt, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, an ihren Arbeitsplatz zurückzugehen und – zu den erstrittenen, sehr wohl um einiges verbesserten Bedingungen – am dennoch gleichen Platz, die gleiche Rolle wieder aufzunehmen. In ihrer Weigerung in den Alltag der Fabrik zurückzugehen, erkannte ich plötzlich mein Erleben eines 1989/90 wieder, das in den Triumphgeschichten von Mauerfall bis Wiedervereinigung für mich unsichtbar geblieben war. In ihrem wütenden Weinen sah ich eine Wunde – auch bei mir noch offen – eine Trauer über den Verlust von etwas, dem nachzuspüren ich ins Havemann Archiv gekommen war.

Von solchen Momenten des Verschließens erzählt auch die Lebensgeschichte des Dissidenten Robert Havemann, nach dem sich das Archiv und die gleichnamige Havemann Gesellschaft benennt. Havemann war Antifaschist, war Kommunist, und wurde 1951 Mitglied der SED, später für kurze Zeit auch Stasi-Informant. Er ist einer von denen, die an die Verwirklichung einer gerechteren Welt unter dem Leitwort Sozialismus glauben, einer von denen, die der Staat, der sich dieses Programm auf die Fahnen geschrieben hatte, schließlich ausspuckt, weil sie den Finger auf die immer größere Diskrepanz zwischen dem Versprochenen und dem Realen legen. So wird Havemann zum Dissidenten, wird es gemacht. Der Glaube an die Möglichkeit einer besseren Gesellschaft aber fällt damit noch lange nicht von ihm ab. In den anderen Gesellschaftsentwurf überzuwechseln, zu dem er in einem von – gegenseitigem – Argwohn gekennzeichneten Verhältnis steht, lehnt er ab.[ii] An so einem Punkt beginnt die Geschichte der Opposition, später der Bürgerbewegung in der DDR. Und sie fragt immer auch nach dem, was in der Versuchsanordnung Sozialismus in der DDR jedes Mal dann verloren ging, wenn entschieden wurde, die Fragen eines Havemann nicht auszuhalten, sie für nicht statthaft zu erklären. Als im September 1989 im Garten des einige Jahre zuvor verstorbenen Havemann das Neue Forum von Bürgerrechtlern gegründet wurde, schienen die Möglichkeiten andere Wege einzuschlagen eigentlich lange vertan. Und dennoch ist der mit der Gründung formulierte Appell die Blockade zwischen Gesellschaft und Regierenden aufzubrechen, auch wieder ein Gegenvorschlag zu dem, was in dieser Zeit so viele tun: einfach zu gehen. Unter dem Ruf „ Wir bleiben hier“, später, „Wir sind das Volk“, entfaltete die oppositionelle Bewegung der DDR im Herbst 1989 ihre ungeheure Kraft, mit der sie über das Ziel der ursprünglichen Forderungen nach mehr politischer Mitsprache hinaus, zu radikalen, die gesellschaftlichen Strukturen und Hierarchien außer Kraft setzenden Formen des miteinander Sprechens fand.

Als die Robert Havemann Gesellschaft ein Jahr später von einigen derjenigen, die das Neue Forum noch nicht in Richtung der etablierteren Parteien verlassen hatten, ins Leben gerufen wurde, war die Zeit dieser Sprachfindung schon wieder fast vorbei. Zunächst hatte man die Gesellschaft als Stiftung der Bürgerbewegungen angedacht, um zu versuchen, etwas von den Erfahrungen des kurzen letzten Jahres in die neuen, aus Westdeutschland übernommenen Formen politischer Parteien und ihrer Stiftungen hinüberzutragen. Es war die Zeit, in der man dabei war herauszufinden, wie es weitergehen konnte, nachdem einem der vereinende Feind abhanden gekommen war, und man nun dastand mit einer Erfahrung, die keiner wollte oder verstand.

Tatsächlich versuchte man noch ein paar Jahre, die gemeinsamen Erfahrungen und die entstandenen Formen politischen Dissens’ auf das neue System anzuwenden, dem man mit der erlernten Skepsis gegenüberstand. In Peenemünde 1993, bei den Protesten gegen den Verkauf von 39 Kriegsschiffen an das – in diesem Falle antikommunistische – indonesische Regime, berief man sich noch auf die eigene Tradition: Die Schiffe stammten von der NVA, ihre Besetzer nannten sich ‚Timor und kein Trupp’ – nach Timur und sein Trupp, dem in der DDR bekannten russischen Roman – und beim Sich-Diktaturen-Entgegenstellen berief man sich auf ein gewisses Expertentum. Später verlor sich dieses Sprechen aus einer gemeinsamen Erfahrung, zog sich auf den Einzelnen zurück. Von dem Ostberliner Dokumentarfilmer Thomas Heise gibt es in Material[iii] eine Aufnahme – schon von 1990 – von der Räumung der besetzten Häuser in der Mainzer Straße in Berlin, wo einer gegen die Wasserwerfer der Polizei die Zeichen der Bürgerbewegung stellt, die erhobenen Hände flehender Gewaltfreiheit – eine Geste, die sich in einer Sprache formuliert, die hier schon keiner mehr versteht.[iv]

Und so wird auch die Havemann Gesellschaft keine Stiftung, die darauf zielt, aus dem Vermächtnis der Bürgerbewegungen eine eigene Sprache gegenüber der Gegenwart zu ziehen. Stattdessen wird das Gemeinsame in die Vergangenheit verschoben, die politische Arbeit aus dem Heute ins Archiv. Es versammelt die Dokumente von Gruppen und Personen, die sich hier noch einmal als ein Wir zusammenfinden, das sich in Ermangelungen eines besseren, erstmal den Namen „DDR-Opposition gibt“. Man selbst hatte sich ja ursprünglich nicht so gesehen; oft wurde die eigene, unpolitisch verstandene Lebensweise ja erst von außen als „oppositionell“ oder gar „staatsfeindlich“ deklariert. So kommt es, dass sich hier auch so viele Dokumente des Privaten, u. a. Fotos von Partys, Kindergeburtstagen und Radtouren finden. Jegliche abweichende Lebensart wurde zur Provokation erklärt, bis man sich schließlich irgendwann dieser Definition von außen fügte und begann sein Tun als solche zu zelebrieren. Wer auf diese Weise politisiert worden war, begann sich dann oft auch explizit politisch zu engagieren, in Umwelt-, Friedens- und Frauengruppen innerhalb, manchmal auch außerhalb kirchlicher Protektion. Jetzt lagern hier also Fotos, Flugblätter, Aufrufe, Erklärungen dieser Gruppen aus allen Teilen der DDR: Friedenskreise und Wehrdienstverweigerer, Umweltgruppen, Junge Gemeinden, Frauen für den Frieden, Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe, Künstler für Andere, Antifa und Radio Glasnost. Dann kommen die Unterlagen der Bürgerbewegungen von 1989 an dazu. Ein großer Teil der Unterlagen kommt mit den Nach- oder Vorlässen von Einzelpersonen ins Archiv. Marianne Birthler, Bärbel Bohley und Konrad Weiß wollen die Dokumente ihres politischen Wirkens dem Erbe der DDR-Opposition zugeordnet wissen, und interessanterweise zählen sie auch alles, was sie nach 1990 taten hier mit dazu. So lebt im Archiv ein Wir fort, dass es im politischen Alltag schon ungefähr seit Peenemünde nicht mehr gibt. Es ist ein Wir, das im Archiv aber auch die Interpretation seiner Geschichte in fremde Hände gibt. Wer ins Hinterhaus der Schliemannstraße kommt, ist frei, das hier Gefundene im Sinne des jeweils eigenen Interesses zu verwenden. Wer seine Dinge also im Archiv hinterlässt, setzt sie in eine vorher nicht zu bestimmende Gleichung aus Sichtbarmachung und Behauptung ihrer Wichtigkeit auf der einen Seite, und der Gefahr ihrer Übereignung in eine Geschichte, die nicht selten dem eigenen Verständnis widerspricht, auf der anderen. Es ist also immer auch eine Großzügigkeit in dieser Geste des Überlassens, von der auch ich Gebrauch mache, als ich im Herbst 2008 ins Archiv komme, um in den Dingen hier Indizien für meine Erinnerung an 1989/90 zu finden.

Ich sehe mir im Archiv zunächst die Aufnahmen der Sitzungen des Zentralen Runden Tischs in Berlin an – ein Forum das sich zwei Monate nach dem Beginn der öffentlichen Demonstrationen aus Vertretern aller etablierten und aller neuen politischen Gruppierungen zusammenfindet und die Forderungen, die Energie der Straße gegenüber der diskreditierten alten Macht festigen und unumkehrbar ins Gesetz einschreiben will. Ursprünglich gegen die alten politischen Strukturen gerichtet, wird die Versammlung bald immer mehr zu einer, die sich mit ihren Appellen für einen eigenen Weg der DDR – auch in eine mögliche Konföderation oder Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik – gegen die von ihr nicht kontrollierbaren rasanten Entwicklungen des Winters 1990 stellt. Klaus Freymuth, ein Filmemacher, der dem Neuen Forum nahe stand, hatte die insgesamt 16 Sitzungen, von Dezember 1989 bis März 1990, auf Video dokumentiert; die ersten beiden nahm er selber – und nur er vollständig – auf, die restlichen wurden im Fernsehen ausgestrahlt, von ihm aber komplett mitgeschnitten, und kamen mit seinem Nachlass ins Archiv. Die Aufregung und die radikale Offenheit, die ich suche, sind in seinen Aufnahmen des ersten Treffens an den Gesichtern, den Gesten der Hände, der Elektrizität des ganzen Raumes ablesbar. Wo diese Energie versucht, sich in Worten zu formulieren, verliert sie sich; die aus einer anderen, älteren politischen Arena übernommene Sprache, hält mit dem, was gesagt werden müsste und könnte, nicht mit.

Da erinnern mich die Bilder dieser Runden Tische – die doch im Zentrum der Entwicklungen des Winters 89/90 standen – an die Szenen des Streiks in der französischen Fabrik. Auch hier kriege ich das, was ich mit dieser Zeit verbinde, nur dort wirklich zu fassen, wo sich bereits etwas verschließt. Meine Suche im Material der Runden Tische, in den Lebensläufen der Protagonisten der DDR-Opposition, in Dokumenten, Bildern und Zeitschriften aus dieser Zeit, bewegt sich also endlos um etwas herum, was auch hier gerade immer nicht zu finden ist. Doch stoße ich an den Rändern dieses Unauffindbaren auf Bruchstücke, aus denen sich, wenn sie sich langsam mehren, der Zielort meiner gen 1989 gewandten Sehnsucht zwar nicht rekonstruieren, dieses Heimweh aber doch wenigstens ein Stück als eins kartieren lässt, das sich mit seinen Fragen durch und zwischen die beiden Versionen des Erinnerns an die DDR drängt. Das sie aus der Balance wirft.


[i] La Reprise du Travail aux usines Wonder, Etats généraux du cinéma, Frankreich, 1968

[ii] Siehe die Biografie Robert Havemanns auf der Webseite der Havemann Gesellschaft e.V.: http://www.havemann-gesellschaft.de/index.php?id=399

[iii] Material, Thomas Heise, Deutschland, 2009

[iv] Wo ist Vorne? Interview mit Thomas Heise, taz, 17.08.09: „Da ging gar nichts mehr. Diese absolute Kommunikationslosigkeit nach den Dialogerfahrungen des vergangenen Jahres war das Neue. Ein Mann brüllt: Hört auf! Hört auf! Das ist Tianmen Platz.“