Wachturm/ Gespenster. Über die (Un-)Möglichkeit 1989/90 zu fassen zu kriegen

Dreimonatiges Recherche-, Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt, 2010

Svetlana Boym “Phantasmagorias” bei “Wachturm/Gespenster”

Das Projekt versteht sich als eine kritische Untersuchung und Intervention in die Gedenkprozesse zum 20. Jahrestag der Ereignisse von 1989/90. Aktivistische, dokumentarische und theoretische Materialien und Positionen werden in Präsentationen und Gesprächen zusammengetragen um den historischen Zeitraum 1989/90 noch einmal aufzusuchen, und der Frage nachzugehen, wie man sich dieser Zeit als Erfahrung einem bis dahin, aber auch seither so nicht gekannten Moment der Unterbrechung und politischen Teilhabe annähern kann. Es ist der Versuch eine (auch ästhetische) Sprache zu finden, in der die dieser Erfahrung innewohnenden Potentialität wieder sichtbar werden kann, ohne sich sogleich zu einem kohärenten Bild oder einer anwendbaren politische Strategie fügen zu müssen. Das Projekt versteht sich damit weniger als bloße Gegendarstellung oder Ergänzung zur Historisierung von 89, denn als ein Arbeiten an deren sprachlichen Formen, die immer schon Einhegung und oft genug Entradikalisierung der politischen Erfahrung von 89 sind.

Formate des Projektes waren die vierteilige Gesprächsreihe »Bleibe im Land und wehre dich täglich« Die Erfahrung von 1989/90 als politische Ressource, ein Programm künstlerischer Präsentationen und die Forschungsstation im Obergeschoss des Wachturms, die als konzeptuelles Zentrum von „Wachturm/ Gespenster“ zur Bearbeitung der in den Veranstaltungen generierten Fragen und Materialien diente.

Ein Projekt von Elske Rosenfeld im Rahmen des Gasttutorenprogramms des Flutgraben e.V.

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Ausstellungen und künstlerische Präsentationen

Svetlana Boym „Phantasmagorias of History“
Ausstellung, 11. – 13. Juni

Svetlana Boym hat sich als Theoretikerin umfassend mit der jüngeren Geschichte Osteuropas, z.B. mit der Perestroika, beschäftigt. Neben ihrem akademischen und theoretischen Umgang mit Geschichte arbeitet sie zudem künstlerisch mit Bildmaterial historischer Umbruchssituationen, wie Prag 1968, Moskau 1935, St. Petersburg 1991. Ihre Phantasmagorias versammeln die Geister jener anderen geschichtlichen Entwicklungen, die in Momenten des Umbruchs auch möglich schienen, aber nicht eingetreten sind.

Eröffnung der Forschungsstation und Gespräch mit Inken Reinert
25. Juni

Inken Reinert arbeitet seit einiger Zeit mit alten DDR-Schrankwänden, aus denen sie Skulpturen baut, die oft auch zum Zentrum öffentlicher Interventionen – zum Bindeglied zwischen öffentlich und privat, Architektur und Inneneinrichtung – werden. Die Filmemacherin Bianca Bodau hat Inken Reinert im letzten Jahr mit einer mobilen Installation nach Berlin Lichtenberg und Friedrichshain begleitet um mit Passanten ins Gespräch zu kommen, doch stellte sich heraus, dass das Sprechen über die Vergangenheit rasch ins Vorhersehbare, Nostalgische zu gleiten begann. Im Gespräch (mit Filmausschnitten) geht es also um die Frage nach den Schwierigkeiten, aber auch der Notwendigkeit und den Möglichkeiten, sich einem biografischen Bruch mittels oder trotz der Versuchung des Nostalgischen anzunähern.

Exkurs: Video „Mauerzerkleinerungsmaschine”
(Aufnahmen von Falk Blask, 1993, Loop, ca. 7 min )
1. Juli – 4. Juli

Der Berliner Ethnologe Falk Blask fertigte die Aufnahmen1993 in Berlin Rudow an, wo in einer Anlage verbliebene Mauersegmente gelagert, zu Brocken zerkleinert und schließlich zu 0,2 Millimeter kleinen Schotterstückchen zermahlen wurden. Das Video war im Rahmen von „Wachturm / Gespenster“ im Dialog mit der Veranstaltung MAUERSPUREN HEUTE. BEISPIELE, BEDEUTUNG, ERHALT mit Dr. Axel Klausmeier (Stiftung Berliner Mauer), Elske Rosenfeld (Projekt „Wachturm/Gespenster“) und Christine Brecht (Grenzläufte), Moderation: Dr. Elke Kimmel (Grenzläufte) zu sehen.

Tina Bara „Herbstmodell 1989/ 2009“
Präsentation, 10. Juli

Die Künstlerin Tina Bara stellt in ihren aktuellen Briefprojekten mit der gegenwärtigen Distanz Bezüge zu ihrem fotografischen Arbeiten von vor und während der Umbruchzeit 1989/90 her. Ihre Arbeit Herbstmodell 1989/ 2009 war parallel zu dem Gespräch „Kunst und 89“ im Wachturm zu sehen.

„Der Tisch war (nicht) rund“
Eine Videorecherche von Elske Rosenfeld
Präsentation, 31. Juli

Am 7. Dezember 1989 fand im Weißen Saal des Dietrich Bonhoeffer Hauses in Berlin der ersten Runde Tisch der DDR statt. Mit ihrer hier vollzogenen Einschreibung in eine Sprache der Legitimierung vollzieht sich ein erster Bruch mit den Forderungen der Straße, die sich gegen die Grenzen der Sprache selbst gewandt, sie außer Kraft gesetzt hatten. Als die Evangelische Akademie am 7. Dezember 2009 ehemalige Teilnehmer und Gäste in den Weißen Saal einlädt, um des 20 Jahre zurückliegenden Ereignisses zu gedenken, findet eine erneute sprachliche Einhegung dieser Ereignisse statt. In einer Nebeneinanderstellung von Videomitschnitten beider Ereignisse legen sich die beiden Zyklen der Versprachlichung übereinander. In ihrer Dopplung und Verschiebung werden Prozesse der Geschichtsschreibung sichtbar, es scheinen die Stellen auf, die aus der Geschichte herausgeschrieben wurden und heute nicht mehr adressierbar sind.