Sie hebt die Hand, sie wendet den Kopf.

Sie hebt die Hand, sie wendet den Kopf. Eine Untersuchung zu Körper und Revolution

[erschienen in Springerin - hefte für gegenwart 1/14 Chronic Times]

Dieses Glossar begleitet eine performative und filmische Untersuchung dreier Dokumente politischer Ereignisse, die von den in den Materialien versammelten Körperlichkeiten zusammengehalten wird. Gesten des Anhaltens, Kopierens, Umkreisens, Unterbrechens, Wiederholens, Beschleunigens/Verlangsamens, Ineinander-Überleitens, Nebeneinander-Stellens fügen den dokumentarischen Inhalt des Materials zu Konstellationen, in denen sich ein fragmentiertes, sich selbst einmal doppelndes, einmal auslöschendes Bild vom menschlichen Körper als Austragungsort und Archiv einer gemeinsamen politischen Erfahrung akkumuliert.

an|hal|ten, auch: un|ter|bre|chen [Verb]; das Video anhalten (und wieder laufen lassen), als Performerin in einer Bewegung innehalten, die Performance unterbrechen, eine Demonstration unterbricht die Versammlung des Runden Tischs

Anhalten, das heißt, dass etwas zum Stillstand kommt oder gebracht wird, oder unterbrochen wird. Anhalten heißt aber auch, etwas hält an, es dauert fort, es hört nicht auf. Während der Pariser Kommune hielten die Revolutionäre die Uhren auf den Straßen und Plätzen an, schreibt Walter Benjamin.[1] Die Zeit steht still; die Zeit der Revolution ist eine Zeit der Unterbrechung zwischen der alten und der neuen Zeit. Dieses Zwischen-den-Zeiten ist auch ein Außerhalb jeglicher Ordnungen, in dem sich die Möglichkeit des Politischen manifestiert.[2]

Vgl. auch: > aus|har|ren, > ste|hen

aus|har|ren, auch: fort|set|zen, wei|ter|ma|chen [Verb]; auf dem Tahrir-Platz ausharren, den Streik fortsetzen, die Videosequenzen immer weiter laufen lassen, ein Video loopen, ein Video durch Fragmentierung und Auflösung verlängern und fortsetzen

Ausharren, auf English to persist, ist stehen, sistere, durch etwas hinweg, per-. Es bezeichnet ein Kämpfen oder Durchhalten in einer schwierigen Situation.

Das Ausharren der Protestierenden auf der Puerta del Sol in Madrid 2011 folgte – wie es ein Beobachter beschrieb[3] – einer kollektiven Intuition, dass die Besetzung mit jedem weiteren Tag ihres Fortbestehens mehr dauerhafte, fortwirkende Kraft an sich binden kann. Dies ist aber ein Fortdauern, dass erst durch die Möglichkeit jedes einzelnen, den Platz zu verlassen und morgen wiederzukommen, aufrechterhalten worden ist. Verfestigt sich eine revolutionäre Gemeinschaft hingegen zu einer auf Dauer angelegten Struktur, hört sie auf, Revolution zu sein, da sich ihr definierendes Merkmal – das Außerhalb-von-Gesetz-und-Struktur-Sein – so immer schon verliert.

Vgl. auch: >ste|hen

be|schleu|ni|gen, auch: ver|lang|sa|men [Verb]; im Fahren um den Tahrir-Platz das Auto verlangsamen, das Video beschleunigen oder verlangsamen, eine Bewegung/ eine Geste langsamer oder schneller ausführen

In der Physik gilt jede Veränderung der Geschwindigkeit – egal ob zum Schnelleren oder Langsameren – als Beschleunigung. Bei der Besetzung der Puerta del Sol expandierte und kontrahierte sich die Zeit abwechselnd; sie beschleunigte sich, wenn die Stunden von einer Versammlung zur nächsten in rasendem Tempo vergingen, und verlangsamte sich während der endlosen Nächte auf dem Platz. Die paar Tage auf dem Platz fühlten sich für die Anwesenden wie Jahre an.[4]

Studien haben ergeben, dass das menschliche Zeitempfinden sich verändert, wenn eine Person von den Emotionen eines Gegenüber beeinflusst wird – ein Prozess, der sich rein körperlich, mittels des mimetischen Kopierens eines Gesichtsausdrucks vollzieht: ProbandInnen schätzten einen Zeitraum als länger ein, wenn ein Bild von einem Gesicht gezeigt wurde, das Trauer, Angst, Wut oder Freude ausdrückte. Hielten die Testpersonen aber z.B. einen Stift im Mund, sodass sich ein beobachteter Gesichtsausdruck nicht mehr komplett kopieren ließ, veränderte sich ihre Wahrnehmung eines Zeitraums nicht.[5]

ste|hen, auch: still|ste|hen [Verb]; vor dem Werktor stehen bleiben, Standbilder, oder Stills aus dem Material extrahieren; als Performerin stehen, still stehen oder aufstehen

Stehen heißt mit aufrechtem Körper an einer Stelle zu verbleiben, ohne Bewegung sein, auch: nicht mehr arbeiten. Zu etwas stehen, meint etwas zu unterstützen, einer Sache verschrieben zu sein, oder als Frage, „wie stehst du dazu“, zu etwas Position zu beziehen.

Physiologisch ist das Stehen eine Position, in der der Körper aufrecht nur von den mit dem Boden verbundenen Füßen gehalten wird. Der Körper kann diese Position nur beibehalten, indem er sich in winzigen Bewegungen um den Massenmittelpunkt des Körpers herum bewegt, diesen umkreist. Bliebe der Körper statisch, fiele er um. Diese Schwankungen um den Köperschwerpunkt herum lassen sich minimieren, wenn man beim Stehen den Blick aber auf einen Punkt gerichtet hält. Je näher der Punkt ist, desto mehr nimmt der Köper die eigene Schwankung wahr und korrigiert sie unbewusst; ist er weiter entfernt, wird die Wahrnehmung der eigenen Schwankung schwieriger.

In Istanbul, bei den Protesten um den Gezi Park, stand der Performancekünstler Erdem Gunduz acht Stunden lang regungslos auf dem Taksim-Platz und starrte auf ein Portrait des Staatsgründers Atatürk. Später ahmten landesweit hunderte Menschen die Geste des Stillstehens nach. Sobald mehrere Menschen eine Zeitlang in eine ähnliche Richtung gewandt stillstanden, vermuteten die Behörden eine politische Absicht und griffen ein. Während der ‚Standing Man’ von den weltweiten Medien gefeiert wurde und jede Verhaftung Stehender mediale Aufmerksamkeit bekam, fanden in geringer Entfernung Versammlungen statt. AktivistInnen twitterten, „Agreed, #duranadam was awesome, but movements don’t stand still.“[6]

Vgl. auch: > an|hal|ten > aus|har|ren > um|krei|sen

Syn|chro|ni|zi|tät, die, auch: Gleich|zei|tig|keit, die [Subst.]; die Videos der drei Situationen gleichzeitig zeigen, nebeneinander laufen lassen, als Performerin Gesten aus dem Video zeitgleich in Echtzeit kopieren

Bei C. G. Jung bezeichnet Synchronizität zeitlich korrelierende, eigentlich nicht kausal verbundene Ereignisse, denen aber ein sinnhafter Bezug zueinander  zugeschrieben wird.[7] Bei den Revolutionen des Arabischen Frühlings verbreitete sich die Revolte über eine riesige geografische Fläche hinweg nicht mittels kausaler „Ansteckung“, als Implementierung eines politischen Programms in verschiedenen Kontexten, sondern als eine Art körperlicher, gestischer Resonanz [8] oder Mimikry. Die Affekttheorie versteht Mimikry als eine Form der Synchronisation von Gesten und Bewegungen, ein „Teilen von Form“, das zwischen Körpern von Menschen wie Tieren stattfindet, ohne dass eine Sprach- oder Bewusstwerdung nötig wird, und das jedes Konzept eines autarken und von seiner Umgebung/dem Anderen abgrenzbaren Individuum in Frage stellt.[9]

um|krei|sen, auch: um|keh|ren [Verb] zu Un|um|kehr|bar|keit, die [Subst.]; den Tahrir-Platz umkreisen, ein Video um ein Standbild herum vor und zurückspulen

Revolution wird als eine, oft gewaltsame, Änderung eines gesellschaftlichen, politischen Systems oder Zustandes, eine radikale Neuerung, oder auch, im marxistischen Sinne, als die Form des Klassenkampfes, die zur Einrichtung des Kommunismus führt, definiert. Im Englischen und Französischen gibt es aber zudem eine weitere Bedeutungsebene des Wortes, die seinem lateinischen Ursprung näher ist: eine revolution ist eine Kreisbewegung um eine zentrale Achse bzw. die kreisförmige Bewegung von etwas an seinen Ausgangspunkt zurück. Und doch ist der Punkt, an den man nach einer Umkreisung zurückkehrt, durch die mit der Bewegung vergangene Zeit, ein anderer. Nach jeder Umkreisung eines Platzes bietet sich beim erneuten Passieren eines bestimmten Punkts ein neues Bild.

In post-ideologischen Revolutionen, die nicht mehr an ein fortschreitendes, zeitlich lineares Model der Emanzipation gebunden sind, endet die Revolution oft nicht in der Einrichtung grundsätzlich anderer, neuer oder auch nur verbesserter politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse. Und dennoch ist nach der Revolution nichts mehr, wie es einmal war. Das Unumkehrbare, das sich in der Revolution vollzogen hat, liegt nicht in der erzielten objektiven strukturellen Veränderung, sondern in der Erfahrung der Möglichkeit des gemeinsamen Verweilens außerhalb als unveränderlich geglaubter Strukturen – die sich als eine fundamentale und dauerhafte Reorientierung der Subjektivierung ihrer Protagonisten manifestiert.[10]

Blanchot schreibt,[11] dass ein ekstatisches Ereignis erst durch seine gemeinsame Bestreitung, ein Darüber-Sprechen, zur Erfahrung werden kann. Wenn also z.B. die aktuelle Geschichtsschreibung den Herbst 1989 in der DDR ausschließlich als nationales, korrektives, nicht aber als radikales oder utopisches Ereignis reflektiert, verschließen sich wichtige Teile dieser Erfahrung in den vereinzelten Körpern als sprachlose Erinnerung. Spricht man heute mit ProtagonistInnen über ihr Erleben dieser Zeit, bahnt sich dieses als körperliche Erregung, ein Zittern der Hände, ein Aufleuchten der Augen, seinen Weg.[12]

Vgl. auch: > an|hal|ten > aus|har|ren > wie|der|ho|len

wie|der|ho|len [Verb]; die Sequenzen wiederholen sich, die Streikende wiederholt einen Zyklus aus Gesten der Verweigerung

Bei Freud [13] ist das Wiederholen eine Reaktion auf die Erfahrung eines traumatischen Ereignisses, bei der eine Person die Vergangenheit immer wieder in der Gegenwart, als Gegenwart erlebt. Im Bezug auf den Holocaust vermutete man später, dass die Wiederholung, als eine Verweigerung des Durcharbeitens, für Überlebende auch eine Möglichkeit sein kann, um einem Ereignis (und seinen Opfern) treu zu bleiben. Die Wiederholung sakralisiert das Trauma so aber möglicherweise und verschließ es zu einer fixen Identität.[14] In Badious Theorie des Ereignisses beginnt sich das Neue, das durch ein (revolutionäres) Ereignis in die Welt getreten ist, gerade erst dann zu entfalten, wenn man ihm in einem fortdauernden Prozess die Treue hält.[15]

Im Verständnis diverser Methoden der Körperarbeit, z.B. der Feldenkraismethode, wird ein (traumatisches) Erlebnis durch die langjährige Wiederholung bestimmter Bewegungsmuster, die als Reaktion auf das Erlebnis entstanden sind, als chronischer Schmerz im Körper archiviert. Durch ein leicht verändertes Ausführen der schmerzhaften Bewegung, oder ihr Ausführen in einer fremden Umgebung oder Position, kann man einen Körper aber so desorientieren, dass er seine habituellen Abwehrbewegungen vergisst und die Bewegung wieder ohne Schmerz ausführt. Baut der Körper dann zudem einen Teil der erlernten Hilfsbewegungen in einen neuen Bewegungsablauf ein, erlangt er oft sogar eine bessere Funktionalität als jene, die ihm vor dem Trauma zur Verfügung stand.[16]

Die Choreographin Meg Stuart ruft ihre TänzerInnen in Übungen mit der wiederholten Aufforderung „Change!“ aus ihren Bewegungen, wann immer sich eine Routine oder wiedererkennbare Form manifestieren will – solange, bis die Körper komplett durchlässig, aus allen Identitäten herausgelöst sind.[17]

Vgl. auch: > aus|har|ren > um|krei|sen

1 Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: ders., Gesammelten Schriften I.2. Frankfurt am Main 1974.

2 Jacques Rancière, Disagreement: Politics and Philosophy. Minneapolis 1999.

3 Guillermo Kaejane, Seven key words on the Madrid-Sol experience, 15M, 20. Mai 2011, http://www.edu-factory.org/wp/spanishrevolution/#keywords.

4 Ebd.

5 Sandrine Gil und Sylvie Droit-Volet, How do emotional facial expressions influence our perception of time?, in S. Masmoudi, D. Yan Dai, A. Naceur (Hg.), Attention, Representation, and Human Performance. London o. J.

6 Kerem Nisancioglu, Turkey’s ‘Standing Man’ captured attention, but protest doesn’t stand still – it forms assemblies, in: The Independent, 25. Juni 2013.

7 Carl G Jung, Synchronizität, Akausalität und Okkultismus. München 1990.

8 Alain Badiou, Tunisia, Egypt. The Universal Reach of Popular Uprisings (2011), http://www.lacan.com/thesymptom/?page_id=1031.

9 Anna Gibbs, After Affect: Sympathy, Synchrony and Mimetic Communication, in: Melissa Gregg und Gregory J. Seigworth (Hg.) The Affect Theory Reader. Durham/London 2010.

10 Nasser Abourahme und May Jayyusi, The will to revolt and the spectre of the Real: Reflections on the Arab moment, in: City 15, Nr. 6 (Dezember 2011).

11 Maurice Blanchot, The Unavowable Community. Barrytown, NY 1988.

12 Elske Rosenfeld, Invisible Histories, the Grieving Work of Communism, and the Body as Disruption. A Talk about Art and Politics, in: Leonardo Electronic Almanac, Special Issue: From New Media to Old Utopias: ‘Red’ Art in Data Capitalism?, 2013.

13 Sigmund Freud, Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten, in: ders., Zur Dynamik der Übertragung: Behandlungstechnische Schriften. Frankfurt am Main 1992.

14 Dominick LaCapra, Writing History, Writing Trauma. Baltimore 2001.

15 Alain Badiou, Saint Paul: The Foundation of Universalism. Stanford 1997.

16 Mark Reese, The Feldenkrais Method and Dynamic System Principles, http://feldenkraissoutherncalifornia.com/html/dynamic_systems.html.

17 Sabine Gehm, Pirkko Husemann, Katharina von Wilcke (Hg.), Knowledge in Motion: Perspectives of Artistic and Scientific Research in Dance. Bielefeld 2007.